Dragged Across Concrete

Dragged Across Concrete

Krimi / Drama

USA / Kanada 2018 E/d 159min

Bulwark, USA: Die Polizisten Ridgeman (Mel Gibson) und Anthony (Vince Vaughn) werden vom Dienst suspendiert, als ein Video publik wird, in dem die beiden einen lateinamerikanischen Kriminellen schikanieren und dabei mit rassistischen Anfeindungen nicht hinterm Berg halten. Ridgeman beschliesst, für einen einzigen Job die Seiten zu wechseln und sich selbst die Taschen zu füllen. Er will den Gangster Vogelmann (Thomas Kretschmann) und seine Crew um ihre Beute erleichtern. Dazu holt er sich einen Tipp von seinem Untergrund-Kontakt Friedrich (Udo Kier). Als er Anthony in seinen Plan einweiht, will der zuerst nichts davon wissen, legt sich dann aber doch mit auf die Lauer. Mit Sandwiches bewaffnet spionieren sie die Kriminellen aus. Es dauert nicht lange bis die Situation völlig eskaliert. Während der sadistische Vogelmann eine Schneise der Verwüstung durch Bulwark zieht, verschieben auch die beiden Ex-Cops ihre moralischen Grenzen stetig um ein paar Meter.

„Ich wusste nicht, dass ich Rassist bin, bis wir hier hergezogen sind“, erklärt die an Multipler Sklerose erkrankte Ex-Polizistin Melanie (Laurie Holden) ihrem noch immer als Cop arbeitenden Ehemann Brett Ridgeman (Mel Gibson), nachdem ihre gemeinsame Tochter Sara (Jordyn Ashley Olson) auf dem Heimweg von der Schule erneut von einer Gruppe schwarzer Jugendlicher belästigt und mit Limonade übergossen wurde. Für den frustrierten Brett ist diese vermeintliche kosmische Ungerechtigkeit der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und so trifft er die Entscheidung, selbst vom Cop zum Kriminellen zu werden, um seiner Familie das bieten zu können, was sie seiner Meinung nach verdient.

In dem filmischen Universum, das der für seine knüppelharte Genrekost berüchtigte S. Craig Zahler in „Dragged Across Concrete“ erschafft, wird zwar ständig mit der Moral und ihrer Einhaltung gerungen, aber am Ende ist doch alles asphaltschwarz. Nach „Bone Tomahawk“ und „Brawl In Cell Block 99“ rückt Zahler auch in seiner dritten Regiearbeit keinen Deut von seiner nihilistischen Linie ab und liefert einen rohen, zynischen, mit krassen Gewaltspitzen gewürzten Thriller ab, dessen Welt ebenso gnadenlos ist wie die Figuren. In der fiktiven Stadt Bulwark (übersetzt: Bollwerk), in der jeder arm ist, aber der Mammon regiert, präsentiert Zahler einen Machismo getränkten Heist-Plot, der zu gleichen Teilen als ethische Versuchsanordnung, intensives Charakter-Drama, grandios-geduldig inszeniertes Spannungskino, politische Korrektheit mit Füssen tretende Provokation und vor allem in den Gewaltszenen absurd überhöhter Exploitation-Trash funktioniert.

Mit Mel Gibson und Vince Vaughn hat sich S. Craig Zahler zwei Hollywoodstars als Brutalo-Cops vor die Kamera geholt, die einem liberalen Publikum auch schon ohne die Verfehlungen ihrer Figuren einen Schauer über den Rücken jagen. Gibson ist mittlerweile ja fast schon bekannter für seine rassistischen und antisemitischen Ausfälle als für seine grossen Rollen in Klassikern von „Mad Max“ bis „Braveheart“. Und Vaughn hat sich sicher auch nicht nur Freunde gemacht, als er Donald Trump in seinem Präsidentschaftswahlkampf unterstützt hat. In „Dragged Across Concrete“ verkörpern sie zugleich (nur leicht) überhöhte Versionen ihrer öffentlichen Persona, unterlaufen diese aber zugleich auch. Ihr ständiges Ringen um die eigenen ethischen Grenzen ist stellenweise richtig berührend, bis hin zum knallhart-konsequenten, dabei zugleich aber auch mit einer unverkennbaren, an der Grenze zur Karikatur kratzenden Macho-Western-Romantik durchtränkten Showdown. Man kann das Porträt des Duos genauso gut grausam ehrlich wie absolut verachtungswürdig finden – und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kritiken nach der Weltpremiere auf dem Filmfestival in Venedig von Machwerk bis Meisterwerk reichten.

Stellenweise wirkt das von Zahler inszenierte Bulwark wie ein Abbild jenes Amerikas, das Trump & Co. ständig heraufbeschwören, um unter ihren Wählern permanente Panik zu stiften. Ein urbanes Höllenloch, in dem jeder Passant mit einem Smartphone scheinbar mehr Macht hat als die Vertreter der Ordnungsgewalt, während das Verbrechen nach Belieben grassiert, weil die linksgrünversiffte Gesellschaft nicht Manns genug ist, um angemessen hart durchzugreifen. Ein rechtsnationalistisches Onlinemagazin hat Zahler trotz seiner im Artikel breitgetretenen jüdischen Herkunft sogar ausdrücklich dafür abgefeiert, dass endlich mal jemand „rassistische Cops als die Helden der Geschichte“ zeige. Und ein Stück weit steckt das in „Dragged Across Concrete“ auch drin. Aber der Film von Zahler, der sich selbst konsequent jeder politischen Einordnung verweigert, ist viel komplexer als das. „Dragged Across Concrete“ ist schliesslich weniger Zelebration als Provokation – und die geht tatsächlich so weit, dass man den Film nach dem Rollen des Abspanns eine ganze Zeit lang kaum mehr loswird.

filmstarts.de