The Nightingale

The Nightingale

Thriller / Drama

Australien 2018 E/d 131min

 

Anfang des 19. Jahrhunderts lebt die Irin Clare (Aisling Franciosi) nach ihrer Verurteilung als nahezu Rechtlose in der britischen Strafkolonie Van Diemen's Land, dem heutigen Tasmanien. Mit ihrem Ehemann Eddie (Charlie Shotwell) hat sie eine gemeinsame Tochter und hofft darauf, dass der englische Leutnant Hawkins (Sam Claflin) ihr bald die Freiheit gewährt. Hawkins begehrt Clare allerdings viel zu sehr als seine „singende Nachtigall“ und will sie trotz Versprechungen im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten nicht gehen lassen. Nachdem der Leutnant deswegen mit Eddie aneinandergerät und dadurch um seine eigene Beförderung gebracht wird, töten er und seine Kumpane kurzerhand Mann und Baby-Tochter und vergewaltigen die hilflose Clare anschliessend gemeinsam. Traumatisiert und besessen von Rache verfolgt Clare die Offiziere mit der Unterstützung des fährtenlesenden Aborigines Billy (Baykali Ganambarr) in den wilden Busch Australiens und gerät so in dem gnadenlosen Konflikt zwischen den vertriebenen Ureinwohnern und weissen Siedlern zwischen die Fronten.

Drei brutale Vergewaltigungen und zwei nicht minder grausame Morde, einer davon an einem Baby, das einfach gegen die Wand geklatscht wird. Die Australierin Jennifer Kent macht in ihrem zweiten Spielfilm nach ihrem aufsehenerregenden Debüt „The Babadook“ schon in der ersten halben Stunde mehr als deutlich, dass der Zuschauer hier Zeuge dunkler und abgründiger Zeiten wird, die sein modernes Gerechtigkeitsempfinden und seine moralischen Vorstellungen bis aufs Äusserste strapazieren (sollen). Bei einer Vorstellung von „The Nightingale“ beim Sydney Film Festival verliess eine Zuschauerin wütend den Saal mit den Worten: „Ich schaue mir das nicht mehr an. Sie wurde doch schon zwei Mal vergewaltigt.“ Die Reaktion ist ohne Frage nachvollziehbar...

... aber wirklich gerecht wird sie „The Nightingale“ trotzdem nicht. Nach der ersten halben Stunde könnte man zwar durchaus noch zu dem Ergebnis kommen, Jennifer Kent würde hier einfach nur eine weibliche Version einer Charles-Bronson-Rachefantasie inszenieren, quasi ein historisches „Eine Frau sieht rot“. Aber am Ende ist „The Nightingale“ doch so viel mehr, nämlich ein nach „The Babadook“ erneut grossartig inszenierter Psycho-Horror und direkt in die Eingeweide fahrendes Historien-Drama vor dem Hintergrund eines düsteren und fast vergessenen Kapitels britischer Kolonialgeschichte.

Fazit: „The Nightingale“ ist ein beklemmendes und nie selbstzweckhaft-brutales Historien-Drama mit schockierenden Horroreinschüben und drei herausragenden Hauptdarstellern. Dass der Film längst nicht so eingeschlagen ist wie Jennifer Kents Erstling „Der Babadook“ dürfte deshalb auch damit zu tun haben, dass ihr Nachfolger einfach noch schwerer zu schlucken ist und den Zuschauer mehr als nur einmal voll in die Magengrube trifft.

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